Digitisierung? Digitalisierung? Digitale Transformation!

von | Mai 4, 2021 | Artikel | 0 Kommentare

Digitisierung? Digitalisierung? Was soll das denn nun wieder? Nein, versprochen, in diesem Beitrag geht es nicht um eine neue Sau, die durchs Dorf getrieben wird. Es geht um die kleine, aber feine Unterscheidung zwischen dem was wir im deutschen Sprachraum pauschal mit „Digitalisierung“ beschreiben, im englischen Sprachraum jedoch differenzierter betrachtet wird.

Geschäftsleute im Büro, in die zukunft schauend mit digitalem Datennetz

Die Digitalisierung ist in der deutschsprachigen Welt in aller Munde und bezeichnet… nun ja: viel! Die englische Welt jedoch unterscheidet zwischen „digitization“ und „digitalization“ oder im britisch-englischen “digitisation” und “digitalisation”. Beides meint unterschiedliches. Eingedeutscht könnte man Digitization mit „Digitisierung“ übersetzen, ein Wort was es offiziell nicht gibt – zumindest, wenn man beispielsweise den Duden oder Gablers Wirtschaftslexikon zu Rate zieht. Offenbar ist die englische Sprache an dieser Stelle präziser als die Deutsche und so lohnt sich der nähere Blick.

Wir werden gleich sehen, dass die Unterscheidung äußerst relevant ist, wenn wir im Deutschen über Digitalisierung oder gar die Digitale Transformation reden. Und wir werden sehen, dass diese Unterscheidung es eigentlich sogar geradezu verdient, in der deutschen Sprache durch ein eigenes Wort repräsentiert zu werden.

Doch was ist nun der Unterschied zwischen Digitisierung und Digitalisierung?

Was ist Digitisierung bzw. englisch Digitization?

Digitization is the process of changing from analog to digital form, also known as digital enablement. Said another way, digitization takes an analog process and changes it to a digital form without any different-in-kind changes to the process itself.“ (Gartner IT-Glossary)

Die Digitisierung bezeichnet also die Umwandlung von analogen in digitale Prozesse, ohne dass der Prozess selbst verändert wird. Beispiele sind digitale Notizzettel anstatt PostIts in Papierform, das papierlose Büro, das Einscannen von Rechnungen und deren digitaler Versand an die zuständige Stelle im Unternehmen, die elektronische Akte in der Justiz oder im Gesundheitswesen, der Versand elektronischer Post etc.

Die Digitisierung bringt eine höhere Effizienz, indem beispielsweise nicht mehr Papierdokumente abgelegt oder versendet werden, sondern elektronische Dokumente digital abgelegt, übertragen oder auch durchsucht werden können. Diese Prozesse werden durch die Digitisierung wesentlich beschleunigt. Ganze Geschäftsprozesse können so „digitisiert“, also digital abgewickelt werden. Die Digitisierung bringt durch Automatisierung und das Einfügen von Technologie in bestehende Prozesse eine höhere Effizienz, eine schnellere Abwicklung und Kostensenkungen. Im Fokus steht die Verbesserung dessen, was man vorher analog getan hat, indem man es nun digital ausführt; nicht aber ein zusätzlicher Nutzen für den Kunden oder das Unternehmen.

Was ist Digitalisierung bzw. Digitalization?

Digitalization is the use of digital technologies to change a business model and provide new revenue and value-producing opportunities; it is the process of moving to a digital business.“ (Gartner IT-Glossary)

Bei der Digitalization besteht das Ziel darin, neue Werte für Kunden und Unternehmen zu schaffen, und nicht nur zu verbessern, was bereits getan oder angeboten wird. Digitalisierung ist die Nutzung digitaler Technologien und digitisierter Daten und entwickelt das gesamte Kundenerlebnis mit dem Produkt/dem Prozess/der Dienstleistung weiter. Digitalisierung beeinflusst die Art und Weise, wie Arbeit erledigt wird, verändert die Art und Weise, wie Kunden und Unternehmen interagieren und schafft im Idealfall auf digitalen Innovationen beruhende neue Erlös- und Umsatzströme. Digitalisierung ist eine Strategie oder ein Prozess, der eine tiefgreifende, grundlegende Veränderung des gesamten Geschäftsprozesses und des Geschäftsmodells beinhaltet.

Ein schönes – nicht ganz ernst gemeintes – Beispiel für Digitisierungsbemühungen beschreibt das folgende Video, in dem ein Familienvater versucht, die Prozesse in seiner Familie zu digitisieren. Am Ende stolpert er darüber, dass er nicht versucht hat, zu digitalisieren, denn dann wäre die Nachschubbeschaffung sensorgesteuert und automatisiert erfolgt und er hätte sich nicht mit einem digitisierten Ergebnis behelfen müssen. 😊 Doch sehen Sie selbst:

https://youtu.be/-rf7khCkhGk

Meistens reicht es eben nicht aus, nur etwas aus der analogen Welt in die digitale zu übertragen. Es macht einfach Sinn, den gesamten Prozess zu hinterfragen und weiterzuentwickeln.

Digitale Transformation

Der Begriff der Digitalen Transformation ist der dritte im Bunde der Begriffe, die häufig unter der Digitalisierung subsummiert werden. Doch die Digitale Transformation reicht noch weiter als Digitisierung und Digitalisierung. Die Digitale Transformation meint den grundlegenden und radikalen Umbau eines Unternehmens, aber auch anderer Organisationen und der gesamten Gesellschaft. Treiber dieses Umbaus sind zum einen die technologischen Entwicklungen wie beispielsweise Social Media, Big Data, Cloud Services, Smart Devices, Internet of Things oder Blockchain.

Die technologischen Entwicklungen ermöglichen eine ganz andere Wertschöpfungslogik, die es Unternehmen erlaubt, neue und bessere Kundenservices anzubieten. Daraus entstehen neue Gewohnheiten und Bedürfnisse und die Notwendigkeit für die anderen Unternehmen, sich anzupassen, zumindest mitzuziehen oder in den Wettlauf mit den Mitbewerbern einzusteigen. Daraus entstehen dann wiederum neue Kundenerwartungen, die weiteren Entwicklungsbedarf der Unternehmen nach sich ziehen. Ein sich-selbst-verstärkender Kreislauf.

Unternehmen müssen ihre Chancen im digitalen Wandel erkennen und nutzen, um weiter wettbewerbsfähig zu bleiben. Der aktuelle und zukünftige wirtschaftliche Erfolg ist direkt von der Digitalen Transformation des eigenen Unternehmens abhängig. Diese erfordert es, bestehende Wertschöpfungsketten und Strukturen kritisch in Frage zu stellen und mit Hilfe der Technologie innovative und disruptive Geschäftsmodelle zu entwickeln.

Damit ist die Digitale Transformation nicht nur eine technische Herausforderung, sondern erfordert vielmehr einen kulturellen Wandel im eigenen Unternehmen. Auch wenn das Ziel die Digitale Transformation ist, also ein digitales Unternehmen zu werden, geht es vielmehr um Menschen als um digitale Technologie. Kundenorientierte organisatorische Veränderungen und oft ein radikaler Wandel der Unternehmenskultur sind notwendig. Die Unternehmensführung muss diese konsequent vorantreiben, Innovationen fördern, neue teilweise disruptive Geschäftsmodelle entwickeln und den Wandel durch die zur Verfügung stehenden Technologien unterstützen. Damit ist die Digitale Transformation eher ein Wandel in der Führung und dem Denken im Unternehmen.

Wo ist die gute, alte Videothek geblieben? Ein Beispiel.

Früher konnte man Spielfilme in Videotheken auf Videokassetten ausleihen. Die Filme waren in analoger Form auf Magnetband gespeichert. Mit der Entwicklung der DVD wurden die Filme dann digitisiert und auf DVDs gespeichert. Das hatte große Vorteile bezüglich der Langlebigkeit der Kopie, Bild- und Tonqualität blieben auf hohem Niveau, das Leihmedium war kompakter etc. Durch die Digitisierung wurden also verschiedene Vorteile erreicht, wenn auch der eigentliche Prozess nicht verändert wurde. Aus Sicht der Kundinnen und Kunden machte man sich immer noch auf den Weg in eine Videothek, lieh sich dort einen Film aus – jetzt eben auf DVD – und hoffte, dass die Filmauswahl der Familie genehm war.

Im Rahmen der Digitalisierung im Sinne von Digitalization wurde dann der Prozess verändert und das digitale Abbild des Spielfilms den Kundinnen und Kunden online per Stream oder zum Download angeboten. Der Gang zur Videothek ist nun nicht mehr notwendig, die Auswahl des Films kann gemeinsam vor dem heimischen Fernseher geschehen und wenn man will, schaute man danach einfach noch einen anderen Film. Die Kundinnen und Kunden hatten einen Mehrwert aus der neuen Form des Angebots.

Zusätzlich entstanden mit Netflix und Co ganz neue Geschäftsmodelle. Für die Kunden ergaben sich also durch die Digitalisierung erhebliche Vorteile und für die Unternehmen, die die Zeichen der Zeit verstanden haben, ebenfalls. Die Videotheken, also die Unternehmen, die nur die Digitisierung mitgegangen sind, existieren heute nicht mehr. Die Digitisierung war die Grundlage für die Digitalisierung. Und mit der Digitalisierung konnten Netflix und Co ihr abonnementbasiertes Modell entwickeln, welches sie per Internet, auf den verschiedenen App Stores, Smart-TVs und anderen Wegen anbieten. Das neue Business ist einfach zu skalieren und die Anbieter erreichen heute global wesentlich größere Kundengruppen, als es eine einzelne Videothek je konnte. Das gelingt nur, wenn das Unternehmen die Digitale Transformation durchlaufen hat oder von vornherein als digitales Unternehmen mit digitalem Geschäftsmodell angelegt ist.

Digitaler Reifegrad

Insofern bezeichnen die Begriffe Digitisierung, Digitalisierung und Digitale Transformation eine Bandbreite an Dingen, mit denen sich Unternehmen, aber auch andere Organisationen, befassen müssen, um sich fortzuentwickeln und um Bestand und zukünftigen Erfolg zu sichern. Die Bandbreite reicht von einfachen Überlegungen, wie man sich bei den eigenen Prozessen digital unterstützen lassen kann, geht über die Automatisierung von Prozessen oder Teilprozessen über digitale Mehrwerte und neuen Geschäftsmodellen bis hin zur Transformation der gesamten Organisation.

Die Grenzen zwischen Digitisierung, Digitalisierung und Digitaler Transformation sind nicht trennscharf zu fassen und verschwimmen eher. Es hilft aber, sich zu vergegenwärtigen, dass die drei Begriffe im Grunde unterschiedliche Reifegrade der Organisation beschreiben.

3 Stufen des digitalen Reifegrades:

  1. Digitisierung
  2. Digitalisierung
  3. Digitale Transformation

Dabei geht es für bestehende Unternehmen auch nicht um eine Reihenfolge, die man durchlaufen muss. Es ist nicht notwendig, erst die bestehenden alten Prozesse zu digitisieren, im nächsten Schritt dann die alten Prozesse in Frage zu stellen und durch Digitalisierung zusätzliche Mehrwerte zu generieren, die man dann im dritten Schritt wiederum über den Haufen wirft, um daraus das digitale Unternehmen zu bauen. Sinnvollerweise denkt mal gleich über das digitale Unternehmen nach.

Warum die Differenzierung der Begriffe wichtig ist

Viele Projekte zur Digitalisierung haben genau betrachtet vor allem eine Digitisierung zum Ziel. Offenbar glauben viele Unternehmensleitungen, es reicht aus, nur genügend Prozesse zu digitisieren und vielleicht durch digitalisierte Erweiterungen auch noch einen zusätzlichen Kundennutzen zu erzielen, um damit für das eigene Unternehmen eine Digitale Transformation zu erreichen. Das ist nicht der Fall. Die meisten Dienstleistungen der vielen Beratungsunternehmen in diesem Themenfeld befassen sich primär noch mit der Digitisierung.

In der Realität haben jedoch bisher nur wenige Unternehmen erfolgreiche digitale Transformationen durchlaufen, wie Studien immer wieder bestätigen (zum Beispiel hier, hier oder auch hier). Viele beschäftigen sich mit dem Thema, aber allzu oft steht die Produktivität aufgrund digitaler Prozesse noch im Vordergrund. Das Reden über Digitalisierung liegt im Trend und in zugehörigen Studien geben immer hohe Prozentzahlen der Befragten an, sich damit zu befassen. Aber es gibt eben auch eine Diskrepanz zwischen der Erkenntnis, dass eine Digitalisierung für das Bestehen im Wettbewerb notwendig ist, und der erfolgreichen Umsetzung einer Strategie zur Digitalen Transformation des Unternehmens. Die Unsicherheiten, wie die Chancen aus der Digitalen Transformation gehoben werden können, sind offenbar immer noch hoch.

Zögern, Abwarten oder zu klein beginnen sind keine guten Optionen. Viele Unternehmen wurden unvorbereitet von digitalen Innovationen getroffen, wurden verdrängt oder mussten zusehen, wie sich ihr Markt gerade an ihnen vorbei verändert. In vielen Fällen haben die eigenen Bemühungen um Digitalisierung nicht ausgereicht, vor allem dann, wenn diese sich eher auf niedrigen Reifegrad bezogen. Man hatte damit zwar auch digitalisiert, ist aber nicht vorangekommen, weil man auf der Stufe der Digitalisierung oder gar auf der Stufe Digitisierung stehen geblieben ist. Und so passiert es dann, dass selbst Platzhirsche von Wettbewerbern oder gar Startups in hoher Geschwindigkeit überholt werden und bestehende Geschäftsmodelle von heute auf morgen obsolet sind. Neue Vertriebswege, neue Produkte und eine intelligente Vernetzung der Akteure und Prozesse sind oft der Schlüssel. Und so entstehen dann Unternehmen wie Uber, das als größtes Taxiunternehmen der Welt kein einziges eigenes Fahrzeug hat, Flixbus als größtes Busunternehmen keinen einzigen eigenen Bus oder AirBnB als größtes Beherbergungsunternehmen keine einzige Immobilie besitzt. Startups können in einer solchen Welt schnell groß und wertvoll werden, denn sie basieren nur noch auf digitaler Technologie und nicht mehr auf dem Eigentum physischer Assets.

Das alles kann aber nur geschehen, wenn die Verantwortlichen ein tiefgreifendes Verständnis der digitalen Innovation haben und dieses gezielt einzusetzen wissen. Und genau dazu braucht es eine klare Begriffsklärung von Digitisierung, Digitalisierung und Digitaler Transformation. Ohne dieses Verständnis kann man den digitalen Reifegrad dessen, was im eigenen Umfeld unter Digitalisierung diskutiert wird, nicht bewerten. Eine gemeinsame Sprache und ein gemeinsames Verständnis hilft, den Veränderungsprozess der Digitalen Transformation im Unternehmen mit Leben zu füllen.

Was hat das mit IT-Infrastruktur zu tun?

Für die CAIRO AG, als ein auf IT-Infrastrukturen spezialisiertes Unternehmen, ist die Unterscheidung besonders wichtig, denn die Anforderungen an IT-Infrastrukturen ändern sich massiv mit dem digitalen Reifegrad. Geht es „nur“ um Digitisierung ist nicht viel Umdenken notwendig. Ein „bisschen“ Office, ein „bisschen“ Cloud, CRM oder ERP und Standardlösungen – das ist seit langem Standard. Geht es aber um tatsächliche Digitalisierung und den Aufbau einer eigenen digitalen Kompetenz im Unternehmen, das Nachdenken über digitale Geschäftsmodelle, ändern sich auch die Anforderungen an die IT-Infrastruktur massiv.

Kurzfristig neue Anwendungen ausprobieren, der mobile Zugriff für Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter auf Systeme und Anwendungen, die Speicherung, Verarbeitung und vor allem Auswertung großer Mengen von Daten, die Verarbeitung dieser Daten mit Künstlicher Intelligenz, die Anbindung von Systemen an bestehende Plattformen oder die Einrichtung eigener Plattformen zur Abwicklung von Austauschprozessen mit Kunden oder anderen Unternehmen etc. sind Ausschnitte der möglichen Anforderungen an die IT-Infrastruktur. Die dazu notwendige IT-Infrastruktur muss alles das agil und schnell auf-, als auch wieder abbauen können, sie muss kurzfristig hoch und wieder runter skalieren, sie muss neue Technologien kurzfristig anbinden können, sie muss über eine Vielzahl an Zugangs- und Endgeräten sicher erreichbar sein, muss eine Vielzahl an eingebetteten Systemen in Maschinen, Fahrzeugen, Gebäuden etc. anbinden können etc. Zudem muss diese Infrastruktur für die Nutzerinnen und Nutzer einfach zu bedienen sein und auch ein gewisser „Coolnessfaktor“ wird heute erwartet.

Damit sind Digitisierung, Digitalisierung und die Digitale Transformation eine große Herausforderung für die Unternehmen. Zum einen an die Verantwortlichen in Geschäftsleitung und Führung, die die strategische Aufgabe der Digitalen Transformation verstehen und annehmen müssen. Es geht um die Digitale Transformation und somit um einen möglichen Komplettumbau des Unternehmens. Ziel ist das digitale Unternehmen. Und eben nicht nur um ein bisschen Digitisierung. Zum anderen erfordert dies eine andere und in vielen Fällen neue IT-Infrastruktur, die ebenfalls sehr genau hinschauen muss, für welchen digitalen Reifegrad sie eingesetzt werden soll. Und sie erfordert IT-Verantwortliche die Digitale Transformation professionell, kompetent und vertrauenswürdig begleiten können.